Kalinti oder von dem, was übrig bleibt

 

Partizipatorisches, dialogisches Projekt in Istanbul,
Tisch mit 8 Stühlen mit Tischdecke, bestickt und Audioinstallation
deutsche und türkische Fassung, 34:00 min.
2006-07

 

 

Kalinti oder von dem, was übrig bleibt ist ein Projekt über die Deutschtürken der 2.Generation, die aus Deutschland in die Türkei zurückgekehrt sind, um in Istanbul zu leben. In insgesamt 5 Monaten, die ich mit einem DAAD Stipendium in Istanbul verbrachte, konnte ich mit einigen dieser sogenannten „Rückkehrern“ sprechen. Einige wurden gezwungen mit Ihren Eltern zurückzukehren, andere entschieden sich freiwillig für eine Rückkehr in das Land ihrer Eltern, weil sich ihnen in Deutschland keine Zukunftsperspektiven mehr zeigten. 2 1/2 Millionen sogenannter „Rückkehrer“ gibt es mittlerweile in der Türkei, darunter immer mehr hochqualifizierte junge Frauen. Dennoch dringt es kaum ins öffentliche Bewusstein, welchen Effekt diese Rückwanderung auf die momentane Entwicklung in der Türkei hat. In meiner Arbeit untersuche ich verschiedene Ebenen dieser zunehmenden Transnationalitäten, indem ich Fragmente aus den Gesprächen in ein fiktives Szenario verwandele.

 

 

Audio Ausschnitt aus der Audioarbeit

 

 

 

 

Woher kommst Du?

Aus Deutschland. Eigentlich bin ich ostdeutsch, aber das interessiert heute kaum noch jemanden. Wenn ich sage, dass ich aus der DDR komme, denken die Leute an den antifaschistischen Schutzwall, an Fahnen schwenkende Menschenmassen, Kollektive, graue Einheitswohnblöcke und fragen mich dann, ob ich denn dabei war, als die Mauer fiel? Ich war dabei und es war, als ob ich stolpernd meine ersten Schritte vor die eigene Haustür setzte. Im Ausland treffe ich seitdem oft auf andere Deutsche. Wie das immer so ist: Sprache verbindet. Hier in der Türkei treffe ich Deutsche, die eigentlich türkisch sind, es aber auch nicht gleich sagen. Sie sind in Deutschland geboren oder lebten dort, weil ihre Eltern als Gastarbeiter ins vielversprechende Nachkriegswirtschaftswunderland gingen. Sie kamen zurück in die Türkei als sie fast erwachsen waren, manchmal freiwillig, manchmal nicht. Sie kamen in ein fremdes Land, dessen Alltagskultur für sie anfangs unbetretenes Neuland war.  Zweieinhalb Millionen sogenannter „Rückkehrer“ gibt es mittlerweile in der Türkei, darunter immer mehr hochqualifizierte junge Frauen.
Ich habe acht dieser „Rückkehrer“ kennen gelernt, die eigentlich gar keine sind und sie gefragt, ob sie mit mir über ihre Erfahrungen sprechen wollen. Es ging mir nicht um Antworten auf vorgefertigte Fragen, sondern um die Dinge, die erst in der Begegnung selbst entstehen: Ich ließ mich einladen nach Hause und jedes mal wurde gekocht und wir haben gemeinsam gegessen. Zwischen den Tellern entsponnen sich Geschichten, deren Fäden das HIER mit dem DORT verbinden, und gleichzeitig von dem Zwischendrin erzählen.
Wenn sich die Fäden in den jeweiligen Anteilen am türkischen und deutschen Leben verstrickten, dachte ich an den Umbruch in Ostdeutschland und meine eigene Erfahrung, mit der rasanten Veränderung und dem kulturellen Wandel nicht mithalten zu können. Ich dachte an diese Art der Entfremdung, die zwischen der Sehnsucht nach Heimat und dem Gefühl überall zu Hause zu sein schwankt. Ich dachte an die einfachen Dinge der täglichen Lebenspraxis, die verloren gingen. Ich dachte an das utopische Potenzial, das daraus entstehen kann und hörte weiter zu. Manchmal kreuzten sich die Fäden und in den Überschneidungen entstanden neue Geschichten. Die Fäden dieser Geschichten habe ich aufgerollt, umgespult, verknüpft und verstickt.

 

 

 

Where are you from?
I am German. Actually, I am from East Germany. But that is not relevant to people anymore. If I emphasize it, people think of the wall as an antifacist protective barrier, mass collectives and grey huge apartment blocks. Then they ask if I was there when the wall came down. I was there and it felt like the frontdoors opened eventually and I stumbled to take my first steps.
Since then, I meet a lot of other Germans abroad. That´s how it is. Common language always connects. In Turkey I met a lot of Germans, who are turkish too. But they don´t mention this detail straight away, like me. They were born in Germany or lived there because their parents migrated as guestworkers to this afterwar-economywonderland in the 60´s  and 70´s. They came back to Turkey when they were grown up, sometimes forced to return, sometimes of free choice. They returned to a unknown country where the daily culture and customs seemed like never touched grounds. Two and a half million so called “returners” live in Turkey by now, between them more and and more young and highly qualified women.
I met eight of them, and I asked them if they would tell me about their experience. I was interested in the consequences of the return to Turkey and how the notion of belonging and identity changes whithin this process. I was not looking for answers to prefi xed questions. I wanted to see the things which develop through our encounter. I got invited to their home and each time food was cooked and we ate together. Between the plates and dishes stories were told that connected the HERE and THERE. When the stories begun to dissolve between the parts of turkish and german life, I was reminded of the changes in East Germany and my own experience of beeing unable to keep in speed with the fast changeover around me. I thought of this shift in one`s sense of belonging which happens while moving between cultures. I thought of this alienation which wobbles between the longing for place like home and the feeling of being home everywhere. I thought of the simple things in everdyday life which got lost. I thought of the utopian potencial which can evolve from that. And I listened further more. Sometimes the string that all these stories were made of crossed and in these crossings new stories would arise. I collected this string. I coiled, rewinded and embroidered it on a tablecloth to bring together in one image this hybridisation and cultural simultaneity.
From the interviews which I took with the returners I extracted fragments and transcribed them. These fragments I combined in a structure to create a fi ctious talk between all of the people that I met. To trangress from the personal and sometimes emotional original voice recordings to a more abstract level I worked with actors who are german turkish too,
so they share a similar experience. In an audiostudio we recorded the talk in both languages, first in german, than in turkish. The audiopiece is 34 or 37 minutes long (depending on the language) and is installed with either headphones or a loudspeaker system around a table with 8 chairs and an embroidered tablecloth.